2020-3.JPG

BLOG

Die Sache mit der Sprache

Ich weiß noch, meine erste Begegnung mit der hebräischen Sprache war 1998, meine Mutter kam gerade von ihrem ersten Urlaub in Israel zurück und brachte mir ein Lineal mit, auf dem die hebräischen Buchstaben neben den am ehesten entsprechenden deutschen Buchstaben standen. Ich zeichnete immer ganz emsig meinen Namen, natürlich falsch, aber ich hatte immerhin schon mal “meine Geheimsprache”.


Außerdem hatten wir aus irgendeinem Grund ein Computerspiel, mit dem wir Vokabeln lernen konnten: Englisch - Hebräisch. Ich sprach zwar noch nicht mal Englisch, aber man konnte es auch mit Bildern und Sounds statt mit geschriebenen Wörtern spielen und ich fand es wahnsinnig witzig, wenn ich mit einem “zodek” gelobt wurde - hihi, er sagt ich bin zu dick. So lernten meine Mutter und ich sämtliche Kleidungsstücke, Obst und Gemüse auf Hebräisch. Zum glaube ich 13. Geburtstag meiner Cousine haben ihr alle Happy Birthday in verschiedenen Sprachen gesungen, wir wollten in Hebräisch, kannten aber nur die Wörter aus unserem tollen Computerspiel und sangen deswegen einfach von Kartoffeln, Unterwäsche und einmal quer durch die Gemüseabteilung. Es passte aber perfekt auf die Melodie von Happy Birthday und ich kann es fast 20 Jahre später immer noch auswendig.


Bei der ersten Israelreise konnte ich mich noch an ein paar Buchstaben erinnern, ich hab an den Straßenschildern lesen geübt, da steht alles in Englisch, Hebräisch und Arabisch. Arabisch dachte ich, sieht ja noch chaotischer aus als Hebräisch, also erstmal langsam machen und versuchen mir die klar voneinander getrennten Buchstaben irgendwie zu merken. Ich mochte Sprachen schon immer gern, schon in der Schule hatte ich Französisch dazu gewählt, mein Schulfranzösisch wurde aber mittlerweile fast zu 100% durch Hebräisch ersetzt. Ich weiß noch "Je ne sais pas" und meine Pin-Nummer für den Bankautomaten in Deutschland, die ich mir damals aus irgendeinem Grund auf Französisch gemerkt hatte.


Als dann klar wurde, dass wir Israel noch mal wieder besuchen wollten, wollte ich auch richtig Hebräisch lernen. Und so kam eins zum anderen, nach ein paar weiteren Urlauben habe ich mich im Sommer 2011 für einen vierwöchigen Sprachkurs an der Uni Haifa eingeschrieben. Die Eins wurde mir sogar in mein deutsches Uni-Abschlusszeugnis eingetragen, ganz Streber-like. Aber es muss mich halt einfach nur interessieren, dann bin ich auch motiviert zu lernen.


Der Suppenkaspar auf Hebräisch

Von Deutschland aus hab ich vor allem mit hebräischer Musik viel gelernt, ich wusste zwar am Anfang immer nicht so genau, was ich da eigentlich mitsinge, aber die Aussprache war prima. Solang es alleine bei mir im Auto singend oder im Hebräisch-Unterricht war, hab ich mich auch getraut zu sprechen, aber bei allen Muttersprachler-Freunden war ich ungewohnt schüchtern und habe immer nur in Englisch kommuniziert - leider dann als ich meinen Freund kennen lernte auch mit ihm. Es war mir immer so unangenehm vor ihm Hebräisch zu sprechen, langsam hab ich mich aber überwunden. Mit seiner Mutter ging es irgendwie leichter und mit ihr hab ich fast direkt von Anfang an Hebräisch gesprochen - wenn wir jetzt bei ihr sind sprechen wir eine Mischung aus allem, mit ihr rede ich Hebräisch, mit ihm immer noch Englisch... Die Gewohnheit. Nur zuhause, wenn ich mal nicht drüber nachdenke und er mich auf Hebräisch anspricht, antworte ich auch endlich in seiner Muttersprache.


Mittlerweile komm ich ganz gut im Alltag klar, draußen nur Hebräisch zu sprechen, nur bei wichtigen Dingen wie Arztbesuchen oder als wir unsere Karla adoptiert haben, frage ich lieber noch mal auf Englisch nach.


Und kaum fühl ich mich wohl mit allen in Hebräisch zu sprechen, sind wir umgezogen und ich als Europäerin werde hier von jedem nur auf Russisch angesprochen. Sollte ich vielleicht auch noch Russisch lernen? Aber noch eine Sprache mit einer anderen Schrift?


Die Schrift fällt mir noch ein bisschen schwer.

Zeitsprung ins Jetzt - es ist statt Russisch tatsächlich Arabisch geworden. Ich dachte mir, das passt besser in den Nahen Osten und zum Glück haben Hebräisch und Arabisch die gleichen Wurzeln, so sind die Grammatik und manche Wörter sehr ähnlich, andere komplett gleich und es ist zum Glück bei weitem nicht so schwierig, wie ich es mir vorgestellt hab.


Dank Corona war wieder meine liebe Schwiegermutti die einzige, mit der ich ein paar Wörter in Arabisch wechseln konnte, ihre Eltern haben früher in Marokko Französisch und Arabisch gesprochen und so habe ich jetzt zumindest das Gefühl ein bisschen zu den Marokkanischen Familien-Wurzeln zurück zu gehen - mein Schulfranzösisch ist ja leider nicht mehr vorhanden.


In einem Souvenirladen in Yafo bin ich außerdem auf eine schöne neue Sprache gestoßen - Aravrit. Eine Grafik Designerin aus Haifa hat diese Mischung aus Hebräisch ("Ivrit") und Arabisch ("Aravit") kreiert, dabei werden die Wörter in beiden Sprachen gezeigt, aber vom Arabischen nur der obere, vom Hebräischen der untere Teil der Buchstaben. So können die Wörter trotz der Kombination immer noch auf den ersten Blick gelesen werden. Auf ihrer Website zeigt die Designerin, wie die Sprache genau funktioniert.

Ähnliche Beiträge

Alle ansehen

Identitätskrise