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Musiker sind die besseren Politiker

Wenn man an Metal denkt, hat man wohl erst mal eins im Kopf: Zottelige, ernste Männer in Schwarz, am besten noch mit düsterem Make Up und Pentagram um den Hals. Auf der Bühne vor uns steht genau das Gegenteil: mit dem wallenden Haar, barfuß und seinem weißen Gewand sieht Sänger Kobi aber eher aus wie Jesus. Wer mich kennt, weiß jetzt direkt worum es geht, wer nicht: auch wenn Metal nicht eure Art von Musik ist - bleibt dran!


 

Damals in meinem Hebräisch-Kurs an der Uni Haifa mussten wir ein Kurzrefarat über eine unserer Interessen halten. Toll, dachte ich, auf meiner Liste der Dinge, über die ich gern rede steht Israel ganz oben. Nur, dass mit mir im Klassenzimmer eine Gruppe Mitschüler sitzt, denen es wohl ganz genauso geht: jüdische Neueinwanderer und Teile von gemischten Paaren, wie wir eins sind. Keiner ist so richtig neu im Land, wir kennen uns langsam aus. Was mag ich außer Israel noch gerne? Israelische Musik! Aber einfach meine Lieblingsband vorzustellen füllt mir keine 20 Minuten und war auch etwas einfallslos - andere in meiner Klasse berichteten von spannenden Hobbies wie Speerfischen und Archäologie. Dagegen stinkt mein Hobby, auf Konzerte zu gehen ganz schön ab - gäbe es nicht eine bestimmte Band, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Frieden im Nahen Osten zu stiften: Orphaned Land, das "verwaiste Land".


Seit mittlerweile 30 Jahren singen Orphaned Land in ihren Liedern nicht um Liebe und Herzschmerz. Als junge Israelis beschäftigen einen andere Themen: Religion, Kriege und vor allem "Warum schaffen wir es eigentlich nicht, friedlich zusammen zu leben?" Die Lieder sind meistens in Englisch, aber auch Hebräisch, Arabisch und manchmal auch Latein, jeder in unserer Region soll sie verstehen können.


Mein 25. Geburtstag - besser hätte ich nicht feiern können

Ich habe die Band vor meinem zweiten Israelurlaub in 2010 gefunden, als ich ganz einfach "Israeli Rock" gegoogelt habe und auf ihrer Myspace-Seite (na, wer erinnert sich?) gelandet bin. Für so richtig harten Metal bin ich zu soft, aber Orphaned Land hatte gleich etwas besonderes, die Lieder waren melodiöser, sie spielen auf orientalischen Instrumenten, ich war gleich hin und weg. Nach einem Konzert in München folgten gleich ein paar in Israel - dort ist die Stimmung viel mitreißender und so ein Urlaub ist schnell mit den Konzertterminen abgestimmt... Mittlerweile ist es schon eine richtige Tradition geworden, zu den jährlichen Hanukkah-Konzerten in Tel Aviv zu fahren. Und es hat noch einen Vorteil, in's Land der Lieblingsband ausgewandert zu sein: Im Juni, als die Flughäfen für Nicht-Einwohner geschlossen waren, hat die Band ein ganz besonderes Jubiläums-Konzert zu ihren 30 Jahren Bestehen gefeiert - mit einem Symphonieorchester in der schicken Heichal Hatarbut in Tel Aviv. Was für ein Gänsehaut-Moment!


Die Metal-Songs lassen sich also auch auf Streichern begleiten. Viele ihrer Lieder sind klassische, jüdische Volkslieder, wie man sie aus der Synagoge kennt und so singen bei einem Konzert auch schon mal gerne tausend Metal-Fans von Gott, der die Torah gegeben hat. Ich merke schon, das geht nicht ohne einem Hörbeispiel, hier einmal die Orphaned Land, und eine klassische Version von dem gleichen Lied. Es gibt sogar ganze Alben, die sich um die biblischen Geschichten von Abraham oder Noah drehen. Da sagt noch mal einer, Metal und Religion lassen sich nicht vereinbaren.


"From the Middle Eastern lands we ride, all children of Abraham Our only sword, the light within, that burns as bright as sun"

Durch diese Themen, die sich mit der Kultur und den Problemen im Nahen Osten beschäftigen, wurden viele Fans aus arabischen Ländern auf die Band aufmerksam, vor ein paar Jahren gab es ihre Musik in diesen Ländern kostenlos zum Download, weil die Fans die Musik dort nicht kaufen können oder dürfen - aber man findet schon einen Weg, an die verbotene Musik zur Völkerverständigung zu kommen. Und weil die Bandmitglieder als Israelis nicht in die meisten arabischen Länder einreisen dürfen, um dort Konzerte zu spielen, fliegen die Fans eben in die Türkei. Dass hunderte Iraner, Marokkaner, Syrer, Libanesen und Tunesier ausgerechnet Israelis zujubeln sieht man sonst ja eher selten. Man sieht also: Musiker sind die besseren Politiker.


Noch so ein einmaliges Erlebnis: ein Konzert mitten in der Altstadt von Jerusalem



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