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Blog

25 Stunden Stille

Wir hatten gerade Yom Kippur, den heiligste Tag im jüdischen Kalender. Wieso der Tag so wichtig ist, habe ich hier schon einmal geschrieben. Weil sich viele, die mich kennen, aber schwer vorstellen können, wie der Tag in Israel abläuft, hier noch ein Blogpost zu Yom Kippur:


Vorbereitung

Genau genommen fangen die Vorbereitungen für den Vergebungstag schon am 1. des jüdischen Monats Elul, 40 Tage vor Yom Kippur, an. Da beginnen sefardische Juden, also die mit nahöstlichen oder nordafrikanischen Wurzeln - so wie der israelische Teil meiner Familie - damit, Slichot zu lesen. Die Slichot sind eine Sammlung an Gebeten, Liedern und Gedichten, die um Vergebung für Fehler in der Vergangenheit beten. Wörtlich übersetzt heißt Slichot "Entschuldigungen". In der Synagoge werden sie zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang gelesen, wer in diesen Nächten zur Kotel nach Jerusalem kommt, wird sich wundern, wieso der Platz so voll ist.

Wieso beginnen wir 40 Tage vor Yom Kippur? Eine schöne Erklärung ist, dass die vierzig Tage an die angelehnt sind, die Moses zurück auf den Berg Sinai gestiegen ist, um um Vergebung für das Volk Israel zu beten, das in seiner Abwesenheit das goldene Kalb angebetet hat.


Erev Yom Kippur

Am Erev Yom Kippur, dem Vortag, bereiten wir uns körperlich und mental auf's Fasten vor. Ich trinke schon seit Tagen weniger und heute gar keinen Kaffee, dafür viel Wasser und Tees, um den Körper vor allem bei der israelischen Spätsommer-Hitze am Laufen zu halten.

Wir haben uns außerdem mit Büchern eingedeckt, mir ist es noch zu schwierig, den ganzen Tag in der Synagoge zu verbringen, fasten mit deutschem Lesestoff ist mir im Moment schon schwer genug. Den ganzen Tag über erhält und schickt man Whatsapp-Nachrichten mit Entschuldigungen, falls man seine Mitmenschen im vergangenen Jahr verletzt hat.


Das Fasten beginnt kurz nach 18 Uhr abends, wir essen schon um halb 5, um danach noch Zeit für Dessert und viel, viel Wasser zu haben. Ganz wichtig vor dem Fasten ist auch noch mal die Hygiene, während Yom Kippur kremt man sich nicht ein, kämmt keine Haare und putzt unter anderem keine Zähne. Die Basics wurden also auch noch einmal erledigt, eine Creme-Gesichtsmaske zieht bei 30 Grad ganz besonders langsam in mein Gesicht ein wir starten in 25 Stunden Stille.


Yom Kippur

Fast schon traditionell, es ist immerhin mein viertes Jahr Fasten, starten wir den Abend mit einem langen Gassi-Spaziergang ans Meer, die Sonne geht unter und viele Familien sind unterwegs. Die Atmosphäre in unserer alten Nachbarschaft direkt am Strand hat sich in den letzten Jahren aber komplett geändert, man sieht viele Leute picknicken, hier und da entdeckt man auch Leute in Weiß, es ist immerhin der höchste Tag im Jahr.


Weil wir fasten, fotografieren wir auch nicht an Yom Kippur (Elektronik!), deswegen hier Fotos von vor ein paar Jahren in Tel Aviv.

Abends schlafe ich beim Lesen schnell ein, was für ein Glück, und morgens wache ich ungewohnt spät auf, noch ein größeres Glück. Der Hunger ist beim Fasten gar nicht das schlimmste. Nach dem Morgen-Spaziergang mit den Hunden fehlt mir vor allem ein kühles Getränk, das Schlabbern der Hunde zuhause in ihrem Wassernapf hat noch nie so erfrischend geklungen und die Pizza Hut-Werbung an der Bushaltestelle sieht noch mal leckerer aus.


Den restlichen Tag über vergeht die Zeit mal schneller, mal langsamer, ich lese meine neuen Bücher, die ich mir beim Familienbesuch in Deutschland letztens mitgebracht habe, mache etwas Yoga, aber selbst bei ruhigen Bewegungen auf der Matte merke ich, wie mein Körper einfach nicht mehr kann. Heute geht alles etwas langsamer und beim Nachmittags-Spaziergang sieht man den Leuten direkt an, wer fastet und wer nicht.

Die letzten zwei Stunden sind am schlimmsten, ich wollte eigentlich gegen Abend in eine Synagoge, um immerhin den Feiertagsausgang richtig zu erleben, aber ich kann nicht mehr, die Strecke vom Wohnzimmer ins Schlafzimmer ist lang genug geworden.


Fastenbrechen

Feiertagsende ist um kurz nach 19 Uhr, wenn man schon mindestens 3 Sterne am Himmel sehen kann. Von drinnen sieht man sie schlecht, also mache ich mich auf, zum kürzesten Spaziergang der Welt, einmal ums Haus. Und sehe vier Sterne. Der Weg zuhause führt mich direkt in die Küche: Wasser! Wir brechen das Fasten mit Keksen, einem Apfel und Suppe, der Magen kann sich ganz langsam wieder an Essen gewöhnen. Und so lange, wie sich die Stunde vor dem Fastenende angefühlt hat, umso schneller vergeht der restliche Abend.

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