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Yom Kippur

Tag zwei im jüdischen Feiertags-Marathon ist Yom Kippur - und ich mag es eigentlich gar nicht, den Tag als Feiertag zu bezeichnen, er ist nämlich alles andere als das. Yom Kippur ist der Versöhnungstag und gleichzeitig der heiligste Tag im Jahr. In Israel steht an diesem Tag fast das komplette Land still und selbst viele sekuläre Juden fasten für 25 Stunden, verwenden weder elektronische Geräte, noch fahren sie Auto. In Tel Aviv gibt es die berühmten Bilder von leeren Autobahnen, stattdessen haben die Kinder mit ihren Fahrrädern die Straße übernommen.


Auch in unserem Haushalt ist Yom Kippur natürlich ein Thema - mein Freund fastet seit er denken kann und reflektiert, was er im vergangenen Jahr falsch gemacht hat und wie er sich verbessern kann. Am Tag, bevor das Fasten beginnt trudeln auch immer wieder Anrufe und Whatsapp-Nachrichten ein, mit Entschuldigungen, falls man sich falsch verhalten, oder den anderen verletzt hat. Nach dem jüdischen Glauben werden nämlich in der Zeit von Rosh Hashana bis Yom Kippur die Namen aller Gerechten ins Buch des Lebens eingeschrieben und am Versöhnungstag besiegelt. Aber auch wer Fehler gemacht hat, kann diese Zeit nutzen, um um Vergebung zu bitten - und das trifft ja wohl auf uns alle zu.


In den ersten drei Jahren, in denen ich mit meinem Freund zusammen gewohnt hab, habe ich ihn immer alleine und in Ruhe fasten lassen, habe einen Ausflug nach Nazareth gemacht, wo das Leben unbeeinflusst von Yom Kippur normal weiter läuft, die Bewohner dort sind immerhin christlich und muslimisch. Einmal hat mich meine Mutter in Israel besucht und ich habe die Zeit mit ihr verbracht, der Kühlschrank war gefüllt, trotzdem konnten wir die besondere Atmosphäre in Haifa mitkriegen und auch ohne gefastet zu haben, fühlt sich Sonnenuntergang, der Beginn von Yom Kippur jedes Jahr irgendwie ganz besonders an.


Letztes Jahr hatten wir über alle Feiertage im September strenge Ausgangssperren, wir durften uns bis zu 500 Meter von zuhause weg bewegen, Besuch konnte ich auch nicht empfangen und so hab ich, nachdem ich schon die ganze Zeit mit mir gehadert habe, was ich denn tun soll, zum ersten Mal mit meinem Freund zusammen gefastet.


Ich kann gar nicht beschreiben, wie ich mich gefühlt habe, aber 25 Stunden ohne essen und trinken, duschen, Zähne putzen(!) oder Blistex (ja - das war nur so schlimm, weil ich wusste, dass ich ihn nicht einfach mal so benutzen kann) sind auch irgendwie vergangen. Damit wir abends noch lesen können, hatten wir eine Zeitschaltuhr installiert - übrigens die einzige Uhr im Haus, die nicht digital ist und an der ich abends gespannt die kleinen Plastik-Knöpfe bis zum Fastenende abgezählt habe. Als es dann stockfinster war, haben wir nach 3 Sternen Ausschau gehalten - und konnten dann endlich einen Schluck Wasser trinken und eine Kleinigkeit essen. Der Hunger war tatsächlich mein kleinstes Problem, hätte ich auch nicht gedacht und wer mich kennt, wird jetzt auch ein bisschen überrascht sein. Man beschäftigt sich eben mit anderen Dingen, ab und zu war ich auch mit unserem Hund auf der Hauptstraße spazieren, ich hatte ja immer im Hinterkopf, dass ich, wenn ich gar nicht mehr kann, einen Schluck trinken kann.


Dieses Jahr habe ich gerade vor 2 Wochen mit dem Konversions-Kurs angefangen und dementsprechend viel Wissen und Hintergründe zu Yom Kippur mitbekommen. Mein Freund sagt, solange ich nicht jüdisch bin und fasten muss, soll ich den Tag noch einmal ausnutzen, aber ich habe mittlerweile mein Zimmer in Nazareth wieder gecancelled, ich will mich dieses Jahr auch komplett auf den spirituellen Teil von Yom Kippur einlassen und bleibe zuhause. Der Gottestdienst, den wir von unserem Balkon aus mitkriegen, ist an diesem Tag besonders lang und ich habe eine englische Übersetzung gefunden, genügend Lese-Material für 25 Stunden ist also vorhanden.


Allen, die fasten, wünsche ich Zom Kal, ein leichtes Fasten und Gmar Chatima Tova - ich werde es zumindest versuchen und verstehe so langsam das Gefühl vor Yom Kippur, das mir meine Schwiegermutti immer beschreibt.