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Plötzlich ausgewandert

Es ist Oktober 2016, ich komme gerade wieder aus meinem Urlaub in Israel zurück nach Berlin. Fünf Monate vorher hatte ich meinen Freund auf einer Reise dort hin kennen gelernt und ihn jetzt im Urlaub im September wieder besucht. Er sollte auch der Grund für den nächsten Trip nach Israel sein, diesmal für eine ganze Woche bei ihm in Haifa. Und wirklich, kaum war ich wieder in Deutschland angekommen, war der nächste Flug gebucht. Eben frisch verliebt.


Ein paar Tage, nachdem ich mir den Urlaub genommen hatte, kam dann die böse Überraschung - mir wurde gekündigt. Mein erster Gedanke war: was wird aus meiner Reise zu meinem tollen Israeli, wenn ich dann in einer anderen Firma arbeite? Ich kriege doch bestimmt nicht sofort wieder Urlaub... Meine ganze Welt stand Kopf, nach ein paar Jahren mit meinen tollen Kollegen, mittlerweile Freunden.


Auf dem Nachhauseweg rief ich meine Mutter an - Krisenberatung. Und jetzt über 4 Jahre später kann ich sie immer noch ruhig sagen hören, dass das jetzt doch genau meine Chance ist, nach Israel zu gehen. Den Flug hätte ich ja eh schon und den Rest kriegen wir dann schon organisiert, ganz nach unserem alten Motto "daran denken wir, wenn's so weit ist". Also, Mama, tausend Dank, wenn du das jetzt liest!


Nachdem ich am Vortag so traurig in meinen Feierabend gegangen bin, waren meine Kollegen überrascht, dass ich am nächsten Tag schon wieder so strahlen konnte. "Ich geh nach Israel!" Ich kontaktierte am gleichen Morgen den Kibbutz, in dem ich 2012 schon mal ein halbes Jahr als Volontär verbracht habe und die freuten sich auch, mich noch mal aufzunehmen. Ich ging davon aus, dass mein Visum wieder 6 Monate gelten würde - was danach kommt, werden wir ja sehen, ich habe jedenfalls ganz optimistisch nur einen billigen Alibi-Rückflug gebucht.


In den nächsten Wochen organisierten wir meinen Abschied aus Deutschland, in der Geburtstags-Whats App an meinen Israeli schrieb ich ihm, ich werde wegen meiner Kündigung wohl etwas länger im Land bleiben, und ich weiß noch, seine einzige Sorge war, dass es mir mit dem Schritt auch gut geht, nach der Kündigung und allem und sein Angebot, die erste Woche, oder eigentlich so lange ich möchte, bei ihm zu wohnen noch steht.


Meine Familie hat mich auch von Anfang an mit der Idee unterstützt - obwohl meine Oma glaube ich trotzdem noch gehofft hat, ich würde nach dem halben Jahr im Kibbutz wieder zurück nach Deutschland kommen und was Anständiges arbeiten.


Ankunft: Regen und Sturm, aber der Blick sagt alles.

Und so kam der 13. Dezember 2016, ich betrat unsere alte Wohnung - damals noch die meines Freundes in Haifa. Gever, unser Hund beäugte mich noch etwas distanziert, während wir auf den Feierabend seines Herrchens warteten und ohne dass ich es wusste, war es von da an eigentlich schon mein Zuhause.


Nach gut 2 Wochen zog ich dann um in den Kibbutz, der mir ja immerhin mein Visum sponsorte. Glücklicherweise liegt Ein Hashofet auch im Norden, ganz in der Nähe von Haifa und ich konnte so jedes einzelne Wochenende zu meinem Freund und Gever pendeln, bis ich schlussendlich ganz bei ihnen eingezogen bin.


Im Juni, fast exakt 6 Monate nach meiner Ankunft kam dann der Tag, für den ich mein Rückflug-Ticket gebucht hatte, zu einer bequemen Uhrzeit am Nachmittag - und ich spazierte mit Gever am Strand und hab aus dem Nichts laut los gelacht. Typisch Israel kam nämlich alles ganz anders als gedacht und ich konnte noch ein paar Monate länger im Kibbutz arbeiten.



Mittlerweile war es schon wieder Oktober, diesmal kam ich von einem Besuch in Deutschland zurück nach Israel, meine Volontär-Zeit im Kibbutz war vorüber und ich suchte nach Arbeit - wenn da doch nicht dieses Problem wäre, dass ich nicht jüdisch bin und es gar nicht mal so leicht ist, eine Arbeitserlaubnis zu bekommen! Die meisten Freunde schlagen mir vor, doch einfach zu konvertieren, aber so einfach, wie sie sich das als gebürtige Juden vorstellen, geht das alles nicht, schon gar nicht, wenn man sich schon in Israel befindet und auch noch mit einem Juden liiert ist.


In Facebook-Gruppen für Nichtjuden, die in Israel leben erfahre ich, dass es neuerdings ein Visa-Abkommen zwischen Israel und Deutschland gibt: Working Holiday für unter 30-jährige. Ich bin damals zum Glück erst 27, als ich mit der Hoffnung, von Deutschland aus mein neues Visum beantragen zu können, kurz nach meiner Rückkehr nach Israel zurück in die alte Heimat fliege.


Ich verbrachte 5 Wochen in Deutschland bei meiner Familie, während ich mal wieder auf ein Visum wartete und traf mich bei der Gelegenheit trotzdem auch mal mit dem Rabbiner in unserer Heimatstadt, man weiß ja nie.


Im Januar 2018 wurde mein Visum bestätigt, ein weiteres Jahr in Israel war mir sicher. Langsam wurde unsere Beziehung auch ernster und ich dachte die ganze Zeit darüber nach, was ich machen würde, wenn meine Arbeitserlaubnis enden würde. Konvertieren in Israel war ausgeschlossen, Heiraten nur für ein Visum auch. Ich quälte mich weiter durch Facebook-Gruppen und stieß auf das Partner-Visum, eine Option auch für unverheiratete Paare zusammen in Israel zu leben und ähnlich dem Einbürgerungsprozess für Verheiratete - dauert nur etwas länger. Mein Freund war erst gar nicht davon begeistert, man gibt beim Amt sehr viel Privates preis und das möchte er nicht. (Übrigens auch der Grund, wieso er hier nie mit seinem richtigen Namen auftaucht.)

Wir standen also vor 2 Optionen: jedes Jahr unser Leben dokumentieren in Briefen und Fotos und uns Befragungen stellen, deren Schwierigkeitsgrad einzig und allein von der Laune des zuständigen Sachbearbeiters abhängt, oder Trennung.


Wir haben uns für ersteres entschieden und hatten bisher auch immer Glück mit unseren Beamten. So bin ich jetzt im Einbürgerungsprozess, weil wir unverheiratet sind für planmäßig sieben Jahre, danach soll ich einen festen Wohnsitz hier bekommen und kann mich sogar für die Staatsbürgerschaft bewerben. Hätte man mir das vor viereinhalb Jahren mal erzählt, ich hätte es nicht geglaubt.

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