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"Na, dann konvertier' doch einfach!"

Schon, als ich damals immer in Israel Urlaub gemacht habe, hat es nach meiner Ankunft im Land gerade mal ein paar Stunden gedauert, bis der erste Israeli meinte: "Wenn du das Land so liebst, dann konvertier' doch einfach und wandere ein!" Lustigerweise hört man diesen Rat immer nur von gebürtigen Juden, und daran, dass sie das Wort "einfach" verwenden, merkt man auch, dass sie sich mit dem Konvertierungsprozess nie herumschlagen mussten. Tschick tschack, in die Mikwe und schon ist man jüdisch.


So leicht ist das aber alles nicht, und gar nicht zu vergleichen mit einer christlichen oder muslimischen Konvertierung. Im Judentum nimmt man nicht nur die Religion an, sondern wird auch gleich Teil des jüdischen Volkes. Also kein Wunder, dass es dazu etwas mehr braucht, als nur ein Taufbad.


Vor gut sieben Jahren dachte ich das erste Mal daran, zu konvertieren. Frisch nach Berlin gezogen, auf in die große, weite Welt, aber mein erster Kontakt zum Rabbiner verlief etwa so erfolgreich wie bei Charlotte in "Sex and the City", wer erinnert sich nicht an die Szene, wie ihr die Tür vor der Nase geschlossen wurde. Bei mir zum Glück nur digital, via Email. Durch meine Wohnungs- und Arbeitssuche ist die Idee dann wieder versandet, es war so viel anderes los in meinem Leben, vielleicht war es auch einfach nur zu früh, ich war immerhin gerade mal Anfang 20.


Als ich dann meinen Israeli kennen gelernt habe, war es für ihn und seine Familie nie ein Thema, dass ich keine Jüdin bin. Ich dachte aber wieder an meinen ersten Konvertierungs-Versuch, war jetzt ja wieder frisch umgezogen und wo könnte es besser klappen als in Israel? Meinem Freund war nur wichtig, dass ich nicht wegen ihm konvertiere, aber wenn es meine Entscheidung für mich ist, unterstützt er mich natürlich. Durch seine marokkanischen Wurzeln ist seine Familie sowieso relativ traditonell, was koscheres Essen und Shabbat angeht, ich bin also schon fast mittendrin.


Also nahm ich Kontakt mit verschiedensten Rabbinern auf, besorgte mir Gebetsbücher und Lernmaterial und legte los. Und ging vor allem in die Synagoge, Freitag Abend zu Shabbat Beginn und Samstag früh um 7. Die Israelis nahmen es alles etwas lockerer und trudelten ein paar Stunden später zur Torah-Lesung ein, dem Highilght des Gottesdienstes. Und wie bin ich froh, dass ich schon Hebräisch gelernt hatte, ich konnte richtig gut folgen und es war so schön, das alles neu zu erleben, bei manchen Liedern Partystimmung, die Männer tanzen durch die Synagoge, oder wie feierlich eine Bar Mitzvah abläuft - natürlich mit dem Bonbon-Werfen vom Balkon aus. Nachdem der 13-jährige Junge zum ersten Mal aus der Torah gelesen hat, ist er ein Mann, das muss gefeiert werden!


Je mehr ich dann Kontakt zu Rabbinern aufgenommen und Infos gesammelt habe, desto schwieriger gestaltete sich dann der tatsächliche Konversionsprozess: Manche Konvertierungen sind zwar orthodox, werden aber nicht vom Rabbanut anerkannt. Das Rabbanut, oder in deutsch Rabinat kontrolliert alle religiösen Angelegenheiten, wie Hochzeit, Beerdigung und eben auch Konvertierung. Dazu gesellte sich das Problem, dass ich schon mit meinem israelischen Freund zusammen wohne, obwohl wir nicht verheiratet sind und das größte Problem: Mein Visum. Mit einem normalen Arbeitsvisum, wie ich es seit 2018 habe, ist es nicht möglich zu konvertieren und mir wird nahegelegt, mein Visum zu canceln (es nur auslaufen zu lassen, wäre nicht genug) und zurück nach Deutschland zu ziehen. Dort könne ich dann in einer deutschen Gemeinde für mindestens ein Jahr beginnen zu lernen. Ich soll jetzt also wirklich wieder aus dem einzigen Jüdischen Staat der Welt ausreisen, um ausgerechnet in Deutschland über's Judentum zu lernen?!


Weiter und somit Problem Nummer 4 war, dass ich danach als Tourist in Israel leben müsste, wieder mindestens ein Jahr, das alles komplett ohne Einkommen. Die Möglichkeit, legal zu arbeiten gibt's dann erst, wenn man als frisch gebackener Jude die Staatsbürgerschaft beantragt. Ok, dann ist das also nichts für mich, bei den aktuellen Wohnungspreisen kann ich mir nicht mal einfach so die Miete für ein Jahr leisten. Von anderen überlebensnotwendigen Ausgabe mal ganz abgesehen.


Die nächsten Tage verbrachte ich heulend, ich war traurig, wütend und enttäuscht - jetzt war mein Visum, das so kompliziert zu bekommen war, der Grund, warum ich keine Jüdin werden konnte? Und ich dachte es ging um den Glauben! Vor lauter Enttäuschung hörte ich auf, in die Synagoge zu gehen, ich muss mir ja nicht noch vor Augen führen, was ich alles verpasse. Und so vergingen ein paar Jahre und immer, wenn die locker luftige Aufforderung kommt, ich soll doch einfach konvertieren, erzähle ich meine Geschichte von den Komplikationen, mehr als ein "Oh, na dann..." kommt darauf nicht.


Langsam ist ein Licht am Ende des Tunnels in Sicht, nächstes Jahr sind mein Freund und ich lange genug im Partnervisums-Prozess und ich bin nicht länger "Ausländer mit Arbeitserlaubnis", sondern Einwohner. Dann hat sich zumindest das Problem mit dem passenden Visum gelöst. Ich werde demnächst eine Gemeinde in Haifa kontaktieren und mich befragen, wann und wie ich mit dem Konversions-Unterricht beginnen kann, also es bleibt spannend...