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Wenn Schmuck auf einmal politisch ist

Ich wollte in meinem Blog nie politisch werden, aber Politik gehört zu Israel so wie das Ei in die Shakshuka und nach dem Vorfall mit Gil in Leipzig kann ich gar nicht anders, als auch was dazu zu sagen.


Unter dem Instagram-Post von Gil schreiben viele, wie unfassbar schockiert sie sind, dass ein Jude in 2021 in Deutschland immer noch diskriminiert wird. Ich dachte mir, wie können die Leute das nicht merken, es passiert doch ständig irgendwas! Aber wenn man nicht gerade einen Bezug zu Juden oder Israelis in Deutschland hat, bekommt man davon tatsächlich nicht viel mit. Die Reaktionen, als ich vor 10 Jahren Bekannten von meinen Israelreisen und dem ganzen Drumherum erzählt habe, waren so enttäuschend, antisemitisch und vor allem meistens unfundiertes "das hat man doch immer schon so gesagt", dass ich zu manchen Leuten den Kontakt abgebrochen hab. Plattestes "den Juden geht's doch eh nur um's Geld" (O-Ton). Dass jüdische Israelis keine geldgeilen Kindermörder sind, passt eben so gar nicht ins Weltbild von vielen. Und jetzt schreien sie auf, dass Deutschland sich die Antisemiten ins Land geholt hat. Newsflash: Man braucht sie nicht importieren, sie waren schon die ganze Zeit da.


 

Als ich gerade nach Berlin gezogen bin, habe ich mit meinen israelischen Freunden ein arabisches Restaurant besucht - ägyptisch marokkanisch, genau die Küche, die sie aus ihrem Elternhaus kennen, ihre Familien stammen aus diesen Ländern. Es war so lecker und es kam mir ganz gelegen, dass das Restaurant eine Kellnerin sucht - ich war neu in der Stadt und hatte noch keine Arbeit. Super, ich kann sofort nächste Woche anfangen.

Nach den ersten Arbeitstagen sprach mich ein Mitarbeiter auf meine Kette mit meinem Namen in Hebräisch an, die Köche hätten ihn gefragt, was das für eine Sprache ist. Er sagte ihnen Persisch, sodass sie mir keine Probleme machen. Schon da hätten meine Alarmglocken klingeln müssen, aber ich hatte außer diesem Job keine andere Option und mittlerweile kann ich es in die Kategorie "jung und dumm" einsortieren, dass ich an diesem Punkt nichts gesagt oder getan hab.


Ein paar Tage später bat mich der gleiche Mitarbeiter, mein Armband mit dem Davidstern abzunehmen, O-Ton, und das werde ich nie vergessen: "es könnte manche Gäste verärgern". Dass ich neben meinem Davidstern aus Israel noch eine kolumbianische Flagge von meinen Freunden dort am Handgelänk trug, war egal. Nur das Symbol des Jüdischen Staats stört die Gäste. Ich sagte, ich sehe keinen Grund, meinen Davidstern abzulegen und als ich das nächste Mal zur Arbeit erschienen bin, wurde mir offenbart, dass ich ohne Vorkenntnisse als Kellnerin keine passende Mitarbeiterin bin und mir wurde direkt gekündigt. Es hatte nur 3 Wochen und etwas israelischen Schmuck gebraucht, bis sie zu dieser Schlussfolgerung gekommen sind.


 

Nichts davon hat mit dem Land und der Politik Israels zu tun, erzählt mir nicht, dass es nur die berühmte "berechtigte Israelkritik" ist, die sonst auch immer zufällig auftaucht, wenn ein Jude angegriffen wird! Und man sieht auch, die Herkunft der Antisemiten ist völlig egal - und wer bis jetzt noch nicht bemerkt hat, dass es in jeder Nation oder in jeder Religion eventuell rassistische oder antisemitische Idioten gibt - Herzlich Willkommen im richtigen Leben. Leider!


In meinem Gespräch zur Konversion zum Judentum vor ein paar Tagen war Antisemitismus natürlich auch ein Thema, ich soll mir bewusst sein, dass es nicht das einfachste ist, als Jüdin durchs Leben zu gehen. Ich weiß, dass ich von dem Hass nur einen kleinen Bruchteil abgekommen habe, ich hab es mir immerhin ausgesucht, aber mein Freund hat es schön gesagt, und das macht mir Mut: "Schau dir an, wo die anderen Völker sind, die versucht haben, uns umzubringen. Wir sind immer noch hier und lassen uns trotz allem nicht unterkrigen."


Deswegen hier eine kleine Bitte: wenn ihr Antisemitismus mitbekommt, und wenn es "nur" solche Kommentare wie oben beschrieben in einem Gespräch sind, die jetzt niemanden persönlich angreifen - Sagt was! Oft ist man ja auch einfach baff, oder will sich nicht in Gefahr bringen, was ja verständlich ist, dann fragt vielleicht die Betroffenen, ob und wie man helfen kann, manchmal hilft auch schon, nur zu sehen, dass sich jemand dafür interessiert.


 

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