2020-3.JPG

BLOG

Sein Herz für Tiere

Mein Freund hatte schon als Kind ein großes Herz für Tiere. Verletzte Eidechsen, ein Vögelchen und sonstiges Getier brachte er schon früher mehr oder weniger heimlich mit nach Hause. Seine Mutter erzählt mir immer noch manchmal die Geschichte, wie sie seinen Karton voller Schnecken entdeckt hat. Israelische Schnecken sind übrigens nicht so klein und dezent am Wegesrand wie die Deutschen, sondern gerne mal so groß wie eine Kinderfaust.


Ganz der Tierfreund hat er sich auch unserem Hund Gever angenommen - der WG-Hund bekam Welpen, alle haben ein anderes Zuhause gefunden, nur Gever war verfressen und schon größer und nicht mehr ganz so niedlich, dass ihn niemand adoptieren wollte. Hallo?! So wurden die beiden ganz langsam und ohne, dass mein Freund eigentlich jemals einen Hund wollte, ein unzertrennliches Paar.


Letztes Jahr kam er von der Arbeit nach Hause, ich soll kurz mit nach unten kommen, er hat eine Überraschung. Mein erster Gedanke sind Katzen, mindestens eine. Ich öffne den Karton auf dem Vordersitz, drin sitzen zwei kleine Krähen und schauen mich neugierig durch ihre großen schwarzen Augen an. Er hat sie auf einem Parkplatz in brütender Hitze gefunden, auch über längere Zeit war weit und breit nichts von den Eltern zu sehen. Auf unserem geschlossenen Balkon haben die beiden etwas Futter und Wasser zum Abkühlen bekommen, einer wirkte ganz aufgeweckt, der andere kleiner und ganz schwach. Er hat nichts von dem Essen angenommen und ist am nächsten Tag gestorben.


Die zweite Krähe war kräftig genug und wurde mit der Zeit immer aufgeweckter und interessierter, auch an uns, der Wohnung und an Gever, der ihn immer noch etwas misstrauisch beäugte. Alle Tier-Auffangstationen, mit denen wir gesprochen haben meinten, sie nehmen keine Krähen auf, und solange wir nach einem geeigneten Ort für den kleinen Vogel suchten, war klar: Dann wohnt er halt erst mal bei uns.

Mein Freund benannte ihn kurzerhand nach Dolf, der Krähe und dem Erzfeind von Alfred J. Kwak. Ich distanziere mich hiermit von diesem Namen, ich wollte ihn lieber Corax nennen - ich träumte davon, das kluge Vögelchen abzurichten und sah mich schon als Nachfolger von Vincent Raven in die Anderswelt telefonieren.


Glücklicherweise hatten wir den Vogel noch in unserer alten Wohnung, liebevoll Bruchbude genannt - eben ein typisch israelisches, altes Gebäude, die Nachbarschaft diente mal als Wohnbauten für Britischen Soldaten, bevor der Staat gegeündet wurde. Und noch mehr glücklicherweise wussten wir, dass wir uns beim Umzug auch von den Möbeln trennen - so hatte unsere kleine Krähe Freigang und konnte alles inspizieren.


Nach ein paar Wochen machte der kleine die ersten Flugversuche und flatterte erst mehr oder weniger elegant von der Sofalehne zum Ventilator, mit der Zeit immer höher, auf Schränke, die Klimaanlage und den Deckenventilator, wo er manchmal sogar die Nacht verbracht hat - er fühlte sich offensichtlich schon wohl in der Höhe.


Nach nicht ganz 2 Monaten, in denen sich Dolf schon gut gemacht hat und auch sehr zutraulich wurde, haben wir dann eine Tier-Auffangstation gefunden, die sich auch um Krähen kümmert. Die meisten anderen sehen sie leider als Ungeziefer und behandeln nur "richtige Wildtiere", was auch immer das bedeuten soll. So brachte mein Freund unseren Dolf in sein neues Zuhause, er war dort schon einer der Kräftigsten und brachte seinen Artgenossen gleich das Flattern bei. Ein bisschen stolz bin ich auf ihn ja schon und obwohl wir so überraschend zu ihm gekommen sind, war ich bei dem Abschied schon richtig wehmütig, aber ich bin froh, dass unser kleiner gefiederter Freund dann in Zukunft von seinesgleichen lernen kann.


Jetzt haben wir ein Jahr später eine Krähenfamilie im Baum vor unserem Balkon, manchmal hören wir den kleinen Vogel aufgeregt krächzen, wenn er gefüttert wird und kriegen einen Dolf-Flashback - zum Glück sind es jetzt nicht mehr wir, die um 4 Uhr morgens für Futter sorgen müssen.