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Neues Jahr und immer noch Oktober

Es fällt mir schwer ein „Frohes Neues Jahr“ zu wünschen. In Israel spürt man schon in friedlichen Zeiten nichts vom „klassischen“ Neujahr. Es ist kein gesetzlicher Feiertag und zum ersten Mal in meinem Leben habe ich nachts den Beginn des neuen Jahres verpennt, weil ich am 1. Januar morgens pünktlich im Büro saß. Außerdem haben wir immerhin erst vor nicht mal vier Monaten Rosh Hashana, das jüdische neue Jahr gefeiert. Seitdem gab es nicht viele Gründe, froh zu sein und ich denke so richtig erleichtert werden wir hier alle nicht sein, bevor die Geiseln zurück sind und die Hamas Geschichte. Seit Kriegsbeginn sind jetzt über 3 Monate vergangen und es sitzen immer noch 129 Geiseln in Gaza fest, 121 wurden unter anderem während dem Waffenstillstand im November freigelassen, 32 wurden in Geiselhaft ermordet.

 

Man öffnet morgens die Nachrichten-Websiten, als erstes sieht man die Fotos der Soldaten, die in Gaza gefallen sind und jeden Tag hofft man, niemanden zu erkennen. An einem Morgen wussten wir schon vorher, dass wir jemanden erkennen werden, ein Freund meines Mannes wurde in Gaza getötet. Es ist ein so schreckliches Gefühl, dass ich gar nicht viel mehr davon schreiben will. Aber ich habe jetzt noch mal ganz anderen Respekt vor den Menschen, die ihr Leben für uns und unser kleines Land aufs Spiel setzen. 

 

Mit meinem Mann spreche ich auch ganz anders über die ganze Situation als Anfang Oktober und am liebsten würde ich solche Gespräche aufnehmen und Leuten vorspielen, die aus ihrer sicheren Wohnung in Deutschland verteufeln, was „Israel den armen Zivilisten antut“. Man kann sich solche Unterhaltungen einfach nicht vorstellen, wenn man nie selbst betroffen war, wenn kein eigenes Familienmitglied in Reserve gerufen wird. So sehr mein Mann über seinen Autounfall im Sommer schimpft, wegen dem er jetzt ganz normal arbeiten geht, statt im Süden stationiert zu sein, umso froher bin ich darum. Wir leben immer noch in zwei Welten, aber ich kann seine Ansicht immerhin jetzt nachvollziehen.

 

Das ist jetzt auch meine Herangehensweise, wenn ich dämliche Kommentare im Internet lese. Die Leute haben im besten Fall minimale Grundkenntnisse vom Nahen Osten, bekommen Infos aus ihrer eigenen kleinen Bubble und sind meistens sowieso so voreingenommen, dass sie keine anderen Meinungen annehmen und sich erst recht nicht vorstellen können, wie es ist hier zu leben. Ab und zu möchte ich gern meine Meinung sagen, weiß aber schon im Voraus, dass es nichts bringen wird, außer mir schlechte Laune. Wie soll man auch mit jemandem auf Augenhöhe diskutieren, der in einer ganz anderen Welt lebt? Die Energie, die solche Unterhaltungen verschwenden kann ich hier im richtigen Leben besser gebrauchen.


 

Und damit zur einzigen guten Nachricht in den letzten Monaten: Ich habe mein kleines bisschen Energie, das noch übrig geblieben ist in Israelische Bürokratie gesteckt! Als Jüdin habe ich immerhin das Recht, ganz offiziell in Israel einzuwandern. Weil Bürokratie für Einwohner mit unterschiedlichsten Visas aber noch etwas komplizierter zu sein scheint, hat es bis Anfang November gedauert bis ich einen Termin im Innenministerium hatte, um mein Partner-Visa zu einem Aliyah-Visum aufzustocken. "Aliyah" heißt wörtlich übersetzt "Aufstieg" und ist der Begriff, den man verwendet, wenn Juden nach Israel einwandern.


Zum ersten Mal seit langer Zeit: Freudentränen!

Ähnlich wie beim Partnervisum in den Jahren vorher wurde ich befragt, wie meine Konversion ablief, was ich gelernt habe und ich bin ein bisschen froh, dass ich mir zumindest diesmal auf die Briefe von Freunden/Zeugen und Fotos von mir beim Gottesdienst „als Beweis“ (siehe den Blogeintrag zum Partnervisum) sparen konnte.

 

Und zack ist noch ein Monat vergangen und wer mir auf Instgram folgt, weiß es schon: Ich bin Israelische Staatsbürgerin! Wenn ich das meinem 20-jährigen Ich erzählen könnte, die gerade zum zweiten, dritten Mal in Folge nach Israel reist, sich für die Sprache und das Land interessiert, langsam das Judentum entdeckt… Ich würde mir selbst sagen, dass es extrem hart wird, und viel komplizierter als ich gedacht hätte, aber am Ende bin ich umso stolzer.

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