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Money, Money, Money

Oft fragen mich die Leute von zuhause - ok, am meisten fragt mich das meine Oma - wie das hier eigentlich mit dem Arbeiten und Geld läuft, man hört oft im Fernsehn, dass in Israel alles so teuer wäre. Und wie! Ich hab erst letzten Winter eine Packung "Herzen Sterne Brezeln"-Lebkuchen gekauft und erst zuhause ist mir aufgefallen, dass ich dafür knapp 9 Euro ausgegeben habe. In Shekel wirkte der Preis aber normal im Vergleich zu anderen Produkten, also hab ich mir nichts weiter dabei gedacht und zugegriffen. Es lag also noch nicht mal am Import!


Was leider auch noch sehr teuer ist, sind alle möglichen Hygieneprodukte und bei jedem Besuch in Deutschland steht ein Großeinkauf bei dm an. Ein Deo für 80 Cent, hier kosten die günstigen ab umgerechnet 2 Euro aufwärts - wenn man gerade ein Anebot erwischt. Letztens bin ich fast aus allen Wolken gefallen, als mein Freund zwei Zahnbürsten für umgerechnet 10 Euro nach Hause brachte.


Frisches Obst und Gemüse gibt es im Vergleich dazu recht günstig, aber oft sehe ich Angebote für israelisches Obst in einem deutschen Supermarkt und das ist immer noch einen Tick billiger als zumindest in den Supermärkten hier. Eine Pizza oder generell Essen zu bestellen kommt bei einem Paar auch locker auf 120 Shekel, etwas über 30 Euro und kostet dabei auf einmal so viel wie ein Konzert-Ticket.


Auch der Preis für Wohnungen steigt stetig und ich bin immer richtig froh, dass wir in Haifa und nicht in Tel Aviv leben. Aber langsam gehen die Preise in unserer alten Nachbarschaft direkt am Meer auch in die Höhe und obwohl die ganze Gegend nicht gerade die schönste ist, sind die Leute bereit, einen verrückt hohen Preis dafür zu bezahlen. Unsere alte Wohnung, in der das Wasser im Winter regelmäßig vom Dach rein tropfte wurde jetzt jedenfalls für umgerechnet 790 Euro kalt inseriert. Wir sind wegen der Preise eine Nachbarschaft weiter gezogen, hier ist es noch etwas mehr Vorstadt, weniger Studenten, es gibt kein Bars oder jegliches Nachtleben und obwohl wir noch fast genauso lange zum Meer laufen ist alles einen Bruchteil günstiger.


Wie kann man sich das alles leisten? Man könnte denken, hohe Mieten, hohe Gehälter, aber jemand hatte es letztens schön zusammengefasst: Schweizer Preise, deutsches Gehalt. Und für gemischte Paare wie uns oftmals auch ein schwieriger Faktor - solange der ausländische Partner auf das Visum wartet, kann er nämlich nicht arbeiten und der Israeli muss im Innenministerium vorweisen, dass er in der Lage ist, beide versorgen zu können, ohne irgendwelche Rücklagen wird das schon schwierig.


Als ich nach Israel gekommen bin, konnte ich gratis im Kibbutz wohnen, auch wenn die Arbeitszeiten dort nicht ohne waren, von 6:30 Uhr morgens bis 15 Uhr nachmittags - immerhin war der Nachmittag dann frei, aber da holten wir meistens den Schlaf nach, der am Morgen gefehlt hat.


Es ist zwar von Kibbutz zu Kibbutz verschieden, aber in meinem gab es neben der kostenlosen Unterkunft Essen im Speisesaal für zwischen 3 und 12 Shekel (80 Cent bis 3 Euro), je nachdem, was man wählt und wie viel davon. Das wurde von unserem monatlichen Obolus abgezogen. Wenn man also günstiger isst, kommt am Monatsende mehr Cash raus, was ich zumindest für Besuche in Haifa bei meinem Freund und kleine Ausflüge zu den unterschiedlichsten Konzerten genutzt habe. Mit dem damaligen Umrechnungskurs hatte ich also ca 400 Euro im Monat zur Verfügung, nachdem Essen und Unterkunft abgezogen waren, also für eine Volontärstelle gar nicht mal so schlecht.


Als ich dann mein Arbeitsvisum hatte, konnte ich mich endlich wieder für Stellen als Grafik Designerin bewerben, die meisten englischsprachigen Firmen haben ihren Sitz in Tel Aviv, aber wir haben eine gute Bahnverbindung. Öffentliche Verkehrsmittel sind in Israel recht günstig, der Arbeitsweg wird außerdem vom Arbeitgeber bezahlt, der einzige Faktor war also nur die eine Stunde Fahrtzeit. Ich hatte Glück und habe eine Firma gefunden, die sich mit meiner Art Visum auskennt - auch so eine Sache ohne Israelische ID - und mich als Schwangerschaftsvertretung eingestellt hat. Ich dachte mir sechs Monate sind eine gute Zeit, das mit dem Pendeln nach Tel Aviv auszuprobieren, wenn es zu hart wird, weiß ich immerhin: ich mache das nur für eine bestimmte Zeit.


Und die Arbeitsbedingungen waren wirklich ein Traum, ein Start Up in einem Wolkenkratzer in Tel Aviv, mit Blick über die Stadt bis hin zum Meer, ein tolles Team... Ich hätte nicht erwartet, dass das mal meine erste Stelle in Israel sein wird, ein Auswanderer-Traum. Da schiebt man schon mal ab und zu Überstunden - was aber in Israel völlig normal ist, die Kollegen sind so gut wie immer zu erreichen.


Die 2 Stunden Zugfahrt jeden Tag verbrachte ich mit Lesen, manchmal Arbeiten, nur Sonntag morgens und Donnerstag nachmittags konnte man froh sein, wenn man noch einen Sitzplatz irgendwo auf einer Treppe gefunden hat. Das sind die Tage, an denen auch viele Soldaten die Bahn nutzen, um von der Base nach Hause zu kommen, oder umgekehrt.


Mittlerweile hat sich mein Blick vom Schreibtisch aus über die Tel Aviver Skyline zu einer kleinen Nachbarschaft in Haifa mit viel Grün verändert, im Hintergrund sehe ich den Berg Carmel und die kleine Seilbahnstation.

Letztes Jahr konnte ich endlich meinen Freelance-Betrieb als Grafikerin anmelden und arbeite jetzt von zuhause - die 2 Stunden Fahrt, die ich mehr habe, verbringe ich jetzt stattdessen mit unseren Hunden und im Sommer schnorchelnd mit dem Kopf unter Wasser.



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