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Koscher für Pessach

Pessach steht vor der Tür und wie jedes Jahr kommt es überraschend kurzfristig und ist auf einmal da. Es ist zumindest größentechnisch in Israel sowas wie Weihnachten in Deutschland. Die ganze Familie kommt aus allen Ecken des Landes zusammen, vor dem großen Festessen wird statt der Weihnachtsgeschichte vom Auszug aus Ägypten gelesen und es gibt viel Wein, mindestens die traditionellen 4 Gläser pro Person. Der große Unterschied zu anderen Feiertagen ist aber der komplette Hausputz im Voraus - zu Pessach wird in traditionellen jüdischen Familien die ganze Wohnung "koscher für Pessach" gemacht, heißt, es bleibt nichts übrig, was Chametz, also Gesäuertes enthält. Kein leckeres Brot, kein Bier, keine Backwaren, nur Gever darf sein Hundefutter behalten - ich als seine Hunde-Mutti bin ja nicht jüdisch.

Chips und die berühmten Erdnussflips "Bamba" sind schon Monate vorher als koscher für Pessach ausgezeichnet - so ein Glück! Außerdem gibt es die berühmten Matzen-Brote die aber eher an ein Stück Karton erinnern und die wir deswegen ausschließlich in dieser einen Woche essen. Zum Glück hat mein Freund marokkanische Vorfahren, so bleiben uns Matzen den Rest des Jahres erspart.


Zu "koscher für Pessach" zählt aber nicht nur Essen, auch die ganze Wohnung wird blitzeblank geputzt, sogar Kühlschränke und Ofen verrückt, sodass sich nicht noch irgendwo ein Stückchen Chametz versteckt.

Wir müssen für meinen Einbürgerungsprozess jedes Jahr im Innenministerium beweisen, ein echtes Paar zu sein, aber ich finde immer noch, alljährlich diesen mehr als Großputz zusammen durchzustehen ist der beste Beweis für meine Liebe.


Am Pessach-Abend vor vier Jahren lernte ich auch die Familie meines Freundes kennen, mit meinen Fetzen Hebräisch und keinerlei Ahnung von dem ganzen Ablauf des Seders, auf Deutsch Ordnung. In Speed-Hebräisch, das man sonst nur aus Synagogen hört, flogen wir durch die Haggadah, die Geschichte des Auszugs aus Ägypten. Wir hatten alle gründlich geputzt und haben Hunger - glücklicherweise ist mein Schwiegervater Koch und hat uns ganz wunderbare, traditionelle marokkanische Küche gezaubert. Doch dann kam es, wie es kommen musste, mein deutscher Gaumen ist die Schärfe nicht gewöhnt. Milch kann ich nicht dazu trinken, weil wir fleischig essen und das wäre ja dann nicht mehr koscher, so wurde meine Schmerzen mit Wein gelindert. Und dann, als ich schon viel zu viel Fisch und Salate gegessen hatte, kam auf einmal die Hauptspeise.


Letztes Jahr konnten wir wegen dem strengen Lockdown nur zu zweit bei uns zuhause Pessach feiern, meine Schwiegermutti hat das vorgekochte Essen auf ihre Terasse gestellt und wir es von dort abgeholt - zum Glück überschnitten sich unsere beiden 100 Meter Radius, in dem wir das Haus verlassen konnten. So saßen wir weniger feierlich mit unserem Hund am Wohnzimmertisch, mein Freund las die Haggada, ich hab den Teil übernommen, in dem normalerweise die 4 Söhne ihre Fragen zu Pessach stellen, vor allem die eine war ganz passend: Ma nishtana halaila hase mikol haleilot? Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen? So ziemlich alles. Ich bin so froh, dass wir uns dieses Jahr wieder mit der ganzen israelischen Familie treffen können!


Bei marokkanischen Familien ist außerdem der Abend nach dem letzten Pessach-Tag eine große Party: Mimouna. Es gibt Mufletot, hauchdünne Pfannkuchen mit viel Öl und Honig, wir köpfen das erste Bier, dazu spielt ohrenbetäubende marokkanische Musik. Mein erstes Mimouna-Fest haben wir bei der Tante meines Freundes verbracht, es waren ein paar enge Familienangehörige von einer Seite der Eltern angekündigt. Ich habe bei 30 aufgehört zu zählen.

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