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Gedenken und Partystimmung

Ich gehe mit unserem Hund Gever die gewohnte Gassi-Runde, als auf einmal laute Sirenen schallen, die Menschen hören abrupt auf zu gehen, Autos halten mitten auf der Straße an, die Fahrer steigen aus und stehen still wie alle anderen. Der laute, langanhaltende Ton ebbt nach 2 Minuten ab und alles geht wieder seinen gewohnten Gang, als wäre nichts gewesen.


Es ist Holocaust-Gedenktag in Israel, seit gestern Abend sind alle Restaurants, Bars und Clubs geschlossen, nach dem hebräischen Kalender beginnt ein Tag nämlich schon am Vorabend bei Sonnenuntergang. Im Fernsehn gibt es heute Sondersendungen und Interviews mit Shoa-Überlebenden, das Radio spielt ruhige, traurige Musik. In vielen Orten im ganzen Land finden am Abend Gedenkveranstaltungen statt und Nachfahren erzählen die Geschichten ihrer Eltern und Großeltern. In meinem Kibbutz damals gab es viele ehemalige Deutsche Israelis und die Geschichten von Leuten zu hören, die ich persönlich kenne war noch mal auf eine andere Art krass.



Knapp eine Woche nach dem Shoa-Gedenktag beginnt morgen Abend der Memorial-Tag für die gefallenen Soldaten. Das Land steht wieder still und die Übertragung der Gedenkzeremonie von der Klagemauer in Jerusalem ist bei uns an diesem Tag immer ein fester Bestandteil - mein Freund hat wie viele andere Israelis schon jung Freunde im Krieg verloren.


Am Abend stoppt die Trauerstimmung dann plötzlich und das Land verwandelt sich in eine riesengroße Party. Es ist Yom Haatzmaut, der Israelische Unabhängigkeitstag. Obwohl es kein klassischer, jüdischer Feiertag ist, wird der Unabhängigkeitstag nach dem hebräischen Kalender gefeiert, nur alle paar Jubeljahre fällt das Datum auf den berühmten 14. Mai, an dem David Ben Gurion damals den Staat gegründet hat.


Wenn nicht grade eine weltweite Pandemie herrscht, gibt es in jeder Stadt Straßenparties, Live-Musik und Feuerwerk und die bekanntesten Israelischen Musiker fliegen (Fliegen! in einem Land so klein wie Hessen!) von einer Stadt zur anderen, die Parties gehen bis in die frühen Morgenstunden.


Trotzdem bleibt keine Zeit zum Ausschlafen, die Air Force startet schon am Vormittag mit ihrer Flugshow, es gibt Kunststücke und die neuesten Jets zu bewundern, wie sie ihre Runden über das ganze Land drehen, aber am größten ist die Party wie immer in Tel Aviv.

Überall an den Stränden sammeln sich die Menschenmassen, um bloß nichts zu verpassen. Aber mein ganz persönliches Highlight war mal ein Independence-Day-Ausflug mit dem Fischerboot, meinem Freund und seinem Bruder, um die Flugshow hier in Haifa vom Meer aus anzuschauen. Mit den Füßen im Wasser ein Bierchen zischen, während die Air Force-Fallschirmspringer nur ein paar hundert Meter von uns entfernt auf den Army-Booten landen...


Dann ein Sprung ins kühle Nass - es ist immerhin schon April und für mich als Europäerin hatte das Meer im Februar schon Bade-Temperatur - ich schwimme zurück an den Strand und helfe meiner Schwiegermutter, alles für's Barbecue vorzubereiten. Woher diese Tradition kommt, weiß ich nicht, aber ganz Israel schmeißt an diesem Nachmittag den Grill an. Ich erfahre außerdem gerade live als ich den Blog schreibe, dass unser Yom Haatzmaut-Barbecue dieses Jahr auf der Kippe steht, die Wohnung meiner Schwiegermutter wird umgebaut. Auch so eine Israelische Sache, ich erfahre immer viel zu spät von den Neuigkeiten. Ich hoffe jetzt, wir können stattdessen bei uns grillen - es wird bestimmt entspannt mit zwei Hunden, wovon eine gerade in der gefühlten Pubertät ist und versucht, unsere Grenzen auszutesten.


Fun Fact: Auf einem Israelischen Grill landet auch gern mal eine ganze Knolle Knoblauch. Bei meinem ersten Yom Haatzmaut mit der Schwieger-Familie hab ich mir nur eine kleine Zehe abgeschnitten, aber alle fragen, ob ich denn keinen Knoblauch mag? Nur eine Zehe? Und seit ich wusste, dass es akzeptiert, sogar gewünscht war, die ganze Knolle alleine zu essen, weiß ich: hier bin ich Mensch, hier darf ich sein.


Als Dessert gibt's dazu koschere blau-weiße Marshmallows, überhaupt die ganze Stadt hat sich herausgeputzt und in jeder Ecke flattern kleine und große Israelflaggen und das Meer und seine Wellen sind noch ein bisschen blau-weißer als sonst.

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