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Die Hoffnung

Ich stehe auf dem Hof vor dem Lager in meiner Arbeit und weine. Nicht dieses dezente Weinen, bei denen die Augen wässrig werden und sich vielleicht eine einzelne Träne verirrt, sondern das unangenehm laute Schluchzen und Schütteln. Wer hätte gedacht, dass es so schwer sein wird, Israeli zu sein?



Es ist Yom Hazikaron, der Gedenktag für gefallene Soldaten und Opfer von Terrorattacken und dieses Jahr ist alles noch so viel schlimmer. Neben den unzähligen Opfern des 7. Oktober sind im Krieg seitdem 620 Soldaten gefallen. Das ganze Land hat sich in den letzten Monaten fast schon an dieses komsiche Kriegsgefühl gewöhnt, aber heute kommt alles wieder hoch.


Für mich persönlich ist es das erste Jahr als Israelin und der erste Yom Hazikaron unter Leuten, in meiner Arbeit wurde eine Zeremonie vorbereitet. Nachdem die Sirene das ganze Land für 2 Minuten hat stillstehen lassen, lesen Kollegen Gedichte, wir sagen das Kaddish, das Gebet zum Gedenken an die Toten und es wird natürlich mein Endgegner gesungen, die Hatikva. Und wie ich so versuche, mitzusingen, kommt alles hoch, ich kann nicht mehr. "Unsere Hoffnung ist noch nicht verloren, eine Hoffnung, 2000 Jahre alt..." Ich kann gar nicht beschreiben, wie sich das anfühlt. Wie viele Soldaten haben ihr Leben dafür gegeben, dass wir heute hier stehen können. In den letzten Jahren habe ich zwar hier gewohnt, aber es fühlt sich dieses Jahr alles ganz anders an. Sie haben ihr Leben auch für mich riskiert und unsere Kinder werden es in Zukunft genauso tun. Dass gerade der erste Gedenktag nach dem 7. Oktober mein erster Gedenktag als Israelin ist, macht alles noch viel krasser. Die Trauer ist jetzt auch Teil meines Lebens, wie von jedem anderen Israeli auch.


 

Heute Abend wandelt sich die Trauer in Freude, Yom Haatzmaut, der israelische Unabhängigkeitstag beginnt. Dieses Jahr gibt es aus Respekt vor traumatisierten Menschen kein Feuerwerk und statt den riesigen Konzerten gibt es kleine Veranstaltungen für Kinder, die sich immerhin das ganze Jahr über auf diesen Tag freuen. Zum ersten Mal verstehe ich meinen Mann, der nach Yom Hazikaron keine Energie hat, Party zu machen. Andererseits wil ich unseren Feinden beweisen, dass sie uns nicht klein kriegen, wir stehen immer wieder auf und machen weiter. Nicht umsonst heißt unsere Hymne "Hoffnung".

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