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Leben im Krieg - ein Update

Ich habe in den letzten 2 Monaten so oft angefangen, zu tippen und dann kurz danach wieder aufgehört, weil mir die Konzentration fehlt. Mir geht so viel durch den Kopf, es passiert eigentlich nicht viel neues, aber der ständige Zustand, in dem wir uns befinden ist so anstrengend. Ich weiß noch, wie ich im Oktober dachte „Wie soll ich das aushalten, wenn der Krieg bis Januar dauern soll?“ und auf einmal ist März. Ich habe einfach keine Kraft mehr und das Erschreckendste ist, dass ich merke, wie ich morgens aufwache und mein erster Gedanke nicht die Geiseln sind, sondern Alltag, der Busfahrplan, die Arbeit. Wochenlang bin ich am Samstagmorgen aufgewacht und wusste genau, wie viele Wochen vergangen sind. Der 7. Oktober ist mittlerweile so lange her, dass ich keinen Überblick mehr habe, wieviel Zeit vergangen ist. Über 5 Monate.

Bald ist Purim. Im Oktober, als ich den Rest der Welt in Halloween-Kostümen gesehen habe, dachte ich, bis Purim haben wir alles hinter uns und sagen anstatt „Haman“ Hamas, wenn wir die Megillat Esther lesen.

 




Vor ein paar Tagen habe ich morgens an der Bushaltestelle ein deutsches Paar getroffen, Volontäre, die bei der Ernte helfen. Ich dachte die ganze Zeit, wie anders Israel sich anfühlen muss, wenn man das Land sonst kennt. Am auffälligsten und das seit Oktober sind die Flaggen überall. „יחד ננצח“ Jachad nenazeach, zusammen werden wir siegen, steht drauf. Von der Einheit, die man ganz am Anfang des Krieges noch gespürt hat, ist leider nicht mehr so viel zu finden, die Politiker und Demonstrationen tun ihren Teil, wie schon im letzten Jahr. Außerdem findet man, je länger der Krieg andauert, überall auf der Straße und an Verkehrsschildern Sticker mit Fotos der Geiseln und zum Gedenken an Menschen, die beim Nova-Festival getötet wurden oder im Krieg gefallen sind. In ganz Haifa werden Grafitti an den Wänden oder auf Bunkern sonst sofort überstrichen, aber in letzter Zeit fallen mir viele auf, die bleiben: die Fans von Maccabi Haifa haben die Namen von Getöteten zum Gedenken gesprayt. Also so wie das alltägliche Leben langsam weitergeht, so präsent ist der 7. Oktober. Ich war im Februar auf meinen ersten beiden Konzerten seit dem Kriegsbeginn, auch hier wurden, bevor die Show los ging, Fotos und Videos von Geiseln und Getöteten auf die Leinwände projiziert. Jeder kennt jemanden.


 

Letzten Monat sind außerdem die Freunde aus der Einheit meines Mannes nach 94 Tagen in Gaza zurück nach Hause gekommen und wurden in einem großen Event gefeiert. Endlich eine super Gelegenheit, die Leute kennen zu lernen, mit denen er seit gut 20 Jahren Seite an Seite trainiert und natürlich kämpft. Außer ausgerechnet dieses Mal, er konnte wegen eines Autounfalls im Sommer nicht zur Reserve. So weh es ihm tut, nicht helfen zu können, umso froher bin natürlich ich, dass er in dieser schlimmen Zeit bei mir zuhause war. Aber an diesem Abend habe ich auch gelernt, dass der Krieg nicht der richtige Zeitpunkt für Egoismus ist.


Viele Frauen haben mich gefragt, wie ich die Zeit ohne meinen Mann überstanden habe und dachten ich mache Witze, wenn ich erzählt habe, dass er ja nur 2 Tage weg war… Die anderen Frauen haben in den letzten vier Monaten den ganzen Alltag alleine jongliert, viele von ihnen sind schwanger oder haben Kinder (und wir sind in Israel, das heißt es geht um locker 6-köpfige Familien) und natürlich auch weiterhin gearbeitet. Ein Ehemann aus der Einheit hat über die Monate alle Partnerinnen gleichzeitig über eine Whatsapp-Gruppe geupdated: Was ist los? Wo sind sie gerade? Ihr braucht euch keine Sorgen machen. Wenn ich das jetzt so schreibe, fühle ich mich ganz schön blöd, ich dachte immerhin, ich hatte es schwer, als Einwanderer in ein Land, von dem es nur eine Frage der Zeit war, wann der nächste Krieg ansteht. Aber was diese Frauen leisten!


Und natürlich auch die Männer! Ich bin noch ganz sprachlos. Wir haben in einem Video-Zusammenschnitt einen kleinen Einblick in das bekommen, wie sie in Gaza operiert haben. Und ich sage ganz bewusst „operiert“, weil das, was unsere Männer dort gemacht haben so gezielt und exakt war, das kann man sich gar nicht vorstellen. Als Deutsche haben wir überhaupt kein Gespür, wie so ein richtiger Krieg überhaupt abläuft. Wie viele glauben denn, dass immer noch alles platt gemacht wird, das einem in die Quere kommt. Und ich habe wieder mal gemerkt, dass es nicht mit Leuten zu diskutieren lohnt, die glauben, dass diese Männer, die ihr Leben für uns und für den einzigen jüdischen Staat auf der Welt riskieren, herzlose Killer sind. Wer in Deutschland lebt, hat das Privileg, nicht zu erleben, was in einem echten Krieg in einem Land, das man allenfalls aus den Nachrichten kennt, vor sich geht. Wie soll man da ein Gespräch auf Augenhöhe führen?


Aber wieso schreibe ich überhaupt „unsere Männer“, meiner war doch daheim? Bisher war die Familie meines Mannes meine einzige Familie in Israel. Seit diesem Abend hat sich meine Familie dann vervielfacht. Wer könnte uns auch besser verstehen, als Leute, die zwar in allen Ecken Israels verstreut wohnen, aber in genau derselben Situation sind. Man kann das gar nicht beschreiben, aber ich verstehe jetzt, wieso mein Mann sich jedes Jahr auf die Reserve freut. Einfach gute Menschen, die wegen ihrem Alter übrigens alle schon längst nicht mehr in Reserve sein müssten, aber die gesamte Gruppe hat sich als Volontäre eingeschrieben.


Den ganzen Abend hatte ich die Szenen aus dem Video aus Gaza im Kopf, es fühlt sich so unwirklich an, dass die Männer, die das geleistet haben und so selbstverständlich ihr Leben für uns und unser kleines Land in Gefahr bringen jetzt neben uns stehen. Und ich hatte das Gefühl, als wäre es ihnen sogar ein bisschen unangenehm gewesen, als ich mich einfach mal dafür bedankt habe. "Sie machen ja nur ihren Job".





Und zu guter Letzt noch etwas positives, wir haben Anfang März den ersten Mini-Urlaub im Süden gemacht. Seit ich in Vollzeit arbeite und natürlich auch seit Herbst ging völlig unter, dass wir eigentlich endlich mal eine Pause von all dem brauchen. Also die Hunde eingepackt und direkt nach Feierabend ging’s los für ein verlängertes Wochenende in Richtung Süden: Eilat und das Tote Meer. Wie komisch es war, auf der Höhe der „Otef Aza“, den ganzen Kibbutzim in der Nähe von Gaza zu sein, die jetzt zerstört wurden. Und die Geiseln sind auf einmal so nah und gleichzeitig so fern. Doch wir fahren noch weiter südlich, durch die Wüste, die jetzt schon stockfinster vor uns liegt. Dafür sehen wir über uns Abermillionen von Sternen… Wie gut es tut, mal den Kopf auszuschalten. Ich habe die Gelegenheit genutzt und war direkt am ersten Tag Schnorcheln, später sogar endlich mal Tauchen. Nichts hören und sehen - außer viel Blau und viele bunte Fische - ist gerade die beste Medizin.

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